Karneval ist die unkölscheste Zeit des Jahres

© Laura

Man muss Köln einfach lieben. Nicht etwa, weil diese Stadt so wunderschön ist. Sondern wegen der Menschen. Wegen der Nächte, in denen man mit Wildfremden an einer Bar versackt und sich unterhält, als würde man sich ewig kennen. Köln macht es einem leicht – auch und vor allem Neuankömmlingen. Ganz anders als Hamburg, Berlin oder München. Die Kölner sind keine kaltschnäuzigen Fischköppe, chronisch schlecht gelaunten Hauptstäter oder versnobten Münchner. Hier darf sich zuhause fühlen, wer sich zuhause fühlen will. Home is where the Dom is – ihr wisst schon.

Umso absurder ist es, dass ausgerechnet die Kölner den Karneval so lieben. Feiern, Tanzen und sich nach dem zehnten Kölsch in die Arme fallen – das ist hier schließlich das ganze Jahr über möglich. Und bunte Vögel genießen hier sowieso Artenschutz – dem rheinischen Grundgesetz sei Dank. Jeder Jeck ist anders, heißt es bei uns. Und das gilt am Rhein 365 Tage im Jahr.

Wozu die Ballermann-Musik mit Texten, gegen die jede Erstklässlerfibel wie ein literarisches Meisterwerk wirkt?

Dachte ich zumindest. Fragt sich nur: Wozu dann die Kostüme, wozu die Eskalation? Warum morgens die Schnapsflaschen köpfen, nur um schon am Nachmittag komatös in irgendeiner Kneipenecke – oder im besten Fall im Bett – zu liegen? Wozu die Ballermann-Musik mit Texten, gegen die jede Erstklässlerfibel wie ein literarisches Meisterwerk wirkt? „Die Fliege war nicht dumm, sie machte sum sum sum.“ Ernsthaft?

Und überhaupt: Wer hat diese Stunksitzungen erfunden und wann wurde entschieden, dass ARD & Co. die gesamte Republik mit Humor auf Mario-Barth-Niveau zumüllen dürfen? Was bringt erwachsene Männer dazu, Dreigestirn zu spielen? Und noch viel wichtiger: Warum macht mein Supermarkt schon um 12 Uhr dicht, wenn ich einfach nur ein verdammtes Päckchen Milch für meinen Kaffee brauche?

Als ob so eine Schlammpackung das Gegröle und Gedrängel vor der Tür in Luft auflösen würde.

Karneval nervt. Nicht nur ein bisschen, sondern so richtig. Wie dieser kleine spitze Stein, der in deinen Schuh rutscht. Erst erträgst du ihn noch, läufst weiter. Aber irgendwann sticht das Scheißding einfach unaufhörlich in deine Ferse – und treibt dich mit jedem Schritt ein bisschen mehr zur Weißglut. So ist Karneval. Nur dass der sich nicht mal so eben aus dem Schuh schütteln lässt.

Beim Karneval gibt es kein Entkommen. Zumindest nicht innerhalb der Stadtgrenzen. Da hilft es auch nicht, dass sich Wellnessbäder zur karnevalsfreien Zone erklären. Ähm ja, nette Idee. Als ob so eine Schlammpackung das Gegröle und Gedrängel vor der Tür in Luft auflösen würde. Als ob man dann zu entspannt wäre, um sich daran zu stören, dass Volltrunkene vor die eigene Haustür pinkeln und kotzen.

Trägst du kein Kostüm, bist du als Spaßbremse verkleidet.

Um genau zu sein, hilft ja noch nicht einmal stilles Ertragen. Wer nicht mitmacht, muss sich rechtfertigen. Fürs Nichtrinken, Nichtschunkeln und vor allem fürs Nichtverkleidetsein. Morgens. Auf dem Weg zur Arbeit. Immer. Und überall. Plötzlich ist Schluss mit „Levve un levve losse“. Trägst du kein Kostüm, bist du als Spaßbremse verkleidet. Und plötzlich fühlst du dich ausgeschlossen – in dieser Stadt, die sonst jeden umarmt. Das macht Karneval für mich vor allem zu einem: der unkölschesten Zeit des Jahres.

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