Körperwahn, Selbstzweifel und Sinnsuche – Model Jonas lüftet den schönen Insta-Schleier

© Bartek Smigulsky

Rehbraune Augen, hübsches Lächeln mit schneeweißen Zähnen, schlanke, durchtrainierte Beine, schwarze Lederjacke. Und blutjung. Das ist Jonas. Mit so einem Aussehen könnte man Geld verdienen, denke ich. Und tatsächlich – Jonas ist Model. Allerdings rückt er damit nur ungern raus. Wird er gefragt, was er denn so macht, dann erzählt Jonas von seinem Sportstudium. Sportjournalist, konkret Moderator, möchte er damit mal werden. Dafür hat er sein duales Studium bei Lidl abgebrochen. „Das wollte ich eh nie.“ Sein Vater, gelernter Kaufmann, hatte ihn dazu angemeldet. Auf dass der Junge was Vernünftiges lernt.

Als ich Jonas kennenlerne, ist er gerade auf dem Weg nach Berlin. Ein Vorsprechen. Jonas, der zusammen mit seiner Familie im  – wie er selbst sagt – „wunderschönen Porz“ wohnt, hat es unter die letzten Drei für die Hauptrolle der neuen Schweighöfer-Produktion geschafft. Halleluja! Die Rolle hat er nicht bekommen. Das ärgert ihn. Zumindest vorerst. Heute, ein paar Monate später, sagt er: „Ist eventuell nicht so schlecht. Vielleicht würde ich dann gar nicht mehr studieren.“ Tatsächlich rückt das Studium nämlich oft in den Hintergrund. Weil das Modeln für Jonas längst nicht mehr nur Hobby ist. Der 22-Jährige hat Erfolg. Also so richtig. Für Bruno Banani, Gauloises, Zalando und C&A steht er vor der Kamera. Ein Volltreffer also.

Arroganz ist eine schwierige Eigenschaft in der Branche.

Das sehen Jonas‘ Eltern allerdings ein wenig anders: Papa macht sich Sorgen um Jonas' Rente, Mama um seine Bodenhaftung. Dabei wirkt Jonas ganz und gar nicht wie ein arroganter Fatzke. Obwohl er gesteht, sich „schon ein bisschen wie ein Prinz“ zu fühlen, wenn er nach Südafrika eingeflogen wird, um für einen Herrenausstatter zu shooten. Aber Arroganz sei eine schwierige Eigenschaft in der Branche.

Und privat? Hält er sich da nicht für die heißeste Schnitte ever?, will ich wissen. Das hat er früher tatsächlich gedacht: „Dass ich besser und schöner bin als andere, und das hab ich sogar so nach außen getragen.“ Sein Umfeld hat ihm damals bald gespiegelt, dass das nicht zu ihm passt. Mit dieser Attitüde hat er sich Freundschaften und sogar eine Beziehung versaut. „Vielleicht bin ich gerade deshalb nicht mehr so“.

Klar ist das ein Standardtraum, aber was Schöneres kann man glaube ich nicht haben.

Seit zwei Jahren ist Jonas mit Nina zusammen. Keine aus der Branche, aber trotzdem bildhübsch. Wie bodenständig Jonas privat inzwischen ist, merkt man spätestens, wenn er von seinem Familienidyll in Porz erzählt, mit liebevollsten Worten von seinen beiden Schwestern und Hund Beppo schwärmt. Er, dessen Highgloss-Instagram-Account seinen 19.500 Followern ein ganz anderes Bild vermittelt. Dieser wunderschöne junge Mann, der auf Yachten, in fancy Hotelzimmern oder oberkörperfrei beim Training post, träumt eigentlich von Kindern, Familie und Eigenheim. Und weiß: „Klar ist das ein Standardtraum, aber was Schöneres kann man glaube ich nicht haben.“

Wie ein Traum dürfte Jonas‘ Leben für Außenstehende aber schon jetzt wirken: Der 22-Jährige fliegt spontan mit seinem Kumpel nach Ibiza und direkt danach mit der Freundin nach Mallorca. Kauft sich teure Schuhe, wenn er Lust darauf hat. Was kostet die Welt! Doch dafür zahlt Jonas auch einen Preis. Einerseits gibt es da diesen ungeheuerlichen Druck. Wenn es um Aufträge geht, sei er gezwungenermaßen zum Ja-Sager geworden, erzählt er. Man will es sich mit den Kunden nicht verscherzen, hat in der Branche einen Ruf zu verlieren und schluckt deshalb, immer auf Abruf zu sein.

© Bartek Smigulsky

Das macht es für Jonas oft schwierig, ein gesundes Mittelmaß für sein Leben zu finden: „Auf der einen Seite will ich bodenständig sein, ein geregeltes Einkommen und Sicherheit haben, Zeit für Nina, meine Familie, meine Freunde und meinen Hund haben. Und auf der anderen Seite will ich Reisen, das schnelle Geld, nette Kontakte, stylishe Hotels.“

Der 22-Jährige grübelt viel über die Zukunft. Er vergleicht sich mit Gleichaltrigen, die schon ein abgeschlossenes Studium, einen Job und was auf der hohen Kante haben. Das weckt Komplexe. Schließlich hat er ohnehin oft das Gefühl, als Model nicht ernst genommen zu werden. Genau deswegen verschweigt Jonas seinen Job so oft, sagt lieber, dass er studiert. Die ständige Selbstbehauptung ist kräftezehrend. Primär mit seinem Aussehen statt mit intellektueller Leistung Geld zu machen, streichelt Jonas' Ego nicht nur, sondern kratzt es gleichzeitig. Wohl auch, weil dieses Ego viel kleiner ist, als die Instagram-Community vielleicht vermuten würde.

Das war eine schreckliche Zeit.

Mit 14, da hat Jonas gedacht, er würde im Sport was reißen können. Handball auf hohem Niveau. Bis der Tag kam, an dem er nach einem Auswahltraining abgelehnt wurde. Nicht wegen mangelnden Talents, sondern weil er körperlich nicht fit genug war. Zu dick, ohne je dicklich gewesen zu sein. „Dann hast du halt ne Stellschraube, an der du drehen kannst.“ Jonas hat zu fest an der Schraube gedreht: Von seinem 14. bis zum 17. Lebensjahr war er magersüchtig. Irgendwann wog er nur noch 48 Kilo - bei einer Größe von 1,78 m. Es war eine Zeit, in der seine verzweifelte Mutter manchmal heulend vor ihm saß. „Das war eine schreckliche Zeit.“

Vor allem mithilfe seiner Familie ist es Jonas letztlich gelungen, sich wieder aus diesem Sumpf zu befreien. Mit 17 hat er angefangen zu modeln. Die Körperoptimierung treibt ihn bis heute an. Nur anders: strenger Ernährungsplan, regelmäßiges Pumpen. Süchtig ist er wohl noch immer, wie er selbst eingesteht. Süchtig danach, seinen Körper zu verändern, süchtig nach Bodybuilding im wahrsten Sinne des Wortes.

© Bartek Smigulsky

Dennoch ist er überzeugt, nicht mehr Gefahr zu laufen, noch mal in die Magersucht zu rutschen. Aber er weiß auch, dass diese Krankheit nie ganz geht. „Ich werde wohl mein Leben lang auf meinen Körper achten und vermutlich wird es immer so sein, dass Menschen Sachen essen, auf die ich auch Lust hätte, sie mir aber einfach nicht erlaube.“

Jonas ist streng mit sich. Und doch nicht streng genug, wie er selbst findet: „Ich würde mir schon wünschen, dass ich den Ehrgeiz, den ich beim Sport und der Ernährung habe, auch für's Lernen, für die Uni mitbringe. Damit alles schnell vorbeigeht. Weil wenn ich meinen Abschluss habe, sind glaube ich auch die letzten Prozent Unglücklichkeit weg.“

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