Waffen-, Alkohol- und Mäuerchen-Verbot: Zülpi, bist du noch zu retten?

© Nicola Dreksler

Als ich vor zehn Jahren als kleiner, unwissender Ersti vom Land in die Großstadt gezogen bin, um hier mein Studium zu beginnen, warst du, liebe Zülpicher Straße, meine erste Anlaufstation. Das Auffangbecken, um Ortsunkundigen das erste Kölsch einzuschenken. Die Straße, auf der ich erste Freundschaften geknüpft, viel zu billige Cocktails getrunken und endlich verstanden habe, wieso alle immer meinten, die Studentenzeit wäre die beste im Leben. 

"Was, ich", fragst du jetzt vielleicht verwundert. Ja, ich spreche mit dir! Kaum vorzustellen, oder? Bist du doch mittlerweile mehr Ballermann als kölsche Urigkeit, mehr Dreck als Feierabend und mehr Aggression als Ekstase.

Die Nächte waren jung, auch um fünf Uhr morgens noch, das Kölsch hat geschmeckt, sogar wenn es Gaffel war.

Mit dir war alles immer so einfach: Die Nächte waren jung, auch um fünf Uhr morgens noch, das Kölsch hat geschmeckt, sogar wenn es Gaffel war. Wenn ich nicht wusste wohin, warst du immer da, ganz einfach, ganz unprätentiös. Jetzt bist du immer noch da, aber die Bars und Kneipen und dieses entspannte Gefühl – das ist alles weg.

Schon eine Weile habe ich mich gefragt, ob ich irgendjemandem vorwerfen kann, dass alle Kneipen, in denen ich früher mal saß, zumachen und die Dönerläden stattdessen aus dem Boden sprießen wie Geschäftsideen von Lukas Podolski. Schließlich kann und muss ja nicht alles nach meinen Vorstellungen laufen.

Brauchst du jetzt ein Waffen- und Alkoholverbot?

So richtig gut läuft bei dir, meiner Ex-Lieblingsstraße, aber gerade überhaupt nichts. Erst kürzlich hat die Stadt Köln dich und die Ringe zu einer Waffenverbotszone erklärt, damit man die Menschen auf dir besser kontrollieren kann. Hast du gehört? Du und die Ringe, ihr seid jetzt eins – gleich nervig und scheinbar auch gleich gefährlich. Auch über ein Alkoholverbot wurde – zumindest kurz – diskutiert. Das Kölsch wäre dann nur noch aus den Zapfhähnen geflossen, das Kioskbier wäre passé. SPD und Grüne fanden diesen Vorschlag gar nicht lustig – schließlich ist das Kölsch am Büdchen bei uns doch höchstes Kulturgut. 

Versteh mich nicht falsch, liebe Zülpi: Das Kioskbier, das liebe ich – nur mit dir macht es einfach keinen Spaß mehr.

Also zog Stadtdirektorin Andrea Blome ihren Vorschlag schnell wieder zurück – und ich habe mich dabei erwischt, wie ich darüber nachgedacht habe, ob ihre Idee doch gar nicht so schlecht war. Schließlich beklagen sich auch die Kölner Kneipenbesitzer*innen darüber, dass ihre Stammgäste am Wochenende gar nicht mehr kommen wollen, wenn sie sich erstmal den Weg durch die betrunkene Meute von Jugendlichen bahnen müssen. Und wenn das Kölsch auf der Straße viel besser fließt als an der Theke. Versteh mich nicht falsch, liebe Zülpi: Das Kioskbier, das liebe ich – nur mit dir macht es einfach keinen Spaß mehr.

Wenn wir ehrlich sind, hätte so ein Alkoholverbot aber wahrscheinlich nur eins gebracht: erhitzte Gemüter. Das haben die drei Tage im letzten Herbst, an denen das Mäuerchen durch ein Metallmonster als Sitzgelegenheit unbrauchbar gemacht wurde, eindrucksvoll bewiesen. Da haben die Kölner*innen um ihr Mäuerchen gekämpft. Um ihre Zülpi. Vielleicht auch, weil am Mäuerchen ein bisschen was von dem Wind weht, der meine alten Studententagen auf der Zülpi so besonders gemacht hat.

Ich bin jetzt alt und du bist hässlich und nur eins von beidem gehört zum unveränderlichen Lauf der Dinge.

Vielleicht stünden dir ein paar neue Ideen sowieso viel besser als Verbote und Metallblockaden – aber die Ideen habe ich nicht. Und so frage ich mich, ob wir einfach für immer Schluss machen müssen, du und ich. Ich glaube, ich bin bereit für diesen Schritt – doch ob es nochmal ortsunkundige Erstis geben wird, die eine so glückliche Beziehung mit dir führen werden wie ich, das weiß ich nicht.

Ich bin jetzt alt und du bist hässlich und nur eins von beidem gehört zum unveränderlichen Lauf der Dinge.

© Jana Sories

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