„Kunst und Kultur bahnen sich immer ihren Weg“ – David Hasert über das elektronische Köln

© Heide Prange

Er wird als einer der wichtigsten Produzenten Kölns gehandelt. Auch wenn er sich selbst nie so bezeichnen würde, die Tatsachen sprechen für sich: Mehr als 150 Releases, rund 100 Gigs im Jahr, eigenes Label, eigenes Tonstudio, gerade in Zypern gespielt, steht die Planung der Australientour an. David Hasert, vor 15 Jahren aus dem Sauerland nach Köln gezogen, hat's geschafft – er mischt bei den ganz Großen mit, ist Profi-Musiker. Seit 2009 unter anderem die erfolgreiche Partyreihe LIKE veranstaltet und einst fast wöchentlich in der Domstadt aufgelegt, ist der 34-Jährige eine der wichtigsten Figuren kölscher Clubkultur. Heute konzentriert er sich mehr auf seine eigenen Sachen, statt Events auszurichten. Spielt seinen Sound, der sich unter dem Übergriff elektronische Musik subsumieren lässt, aber weder reiner Techno noch House ist, überwiegend außerhalb der Wahlheimat. Wir haben mit ihm über das elektronische Köln gesprochen. Ein Interview über kreatives Potenzial, das von der Politik oft im Keim erstickt wird, über gesellschaftliche Entwicklungen, die wenig Raum für Subkultur bieten, über den Sound of Cologne und – oh mein Gott – den musikalischen Einfluss Düsseldorfs.

Würdest du sagen, dass Köln ein Mekka der elektronischen Musik ist?
Definitiv! Köln ist eine eigene Marke, mit der ich mich auch gut identifizieren kann, zum Beispiel durch das Label Kompakt, das immer einen etwas poppigen, verqueren Stil hatte. Ich bin beruflich viel in Amerika und stelle da immer wieder fest: Man kennt dort den Sound of Cologne. German Techno ja sowieso, aber der Sound of Cologne ist tatsächlich auch ein Gütesiegel.

Wer macht den Sound of Cologne denn noch aus?
(lacht): Äh, ich? Spaß beiseite, da gibt’s einige: Feines Tier, die Jungs um Aroma Pitch – auch wenn die jetzt in Berlin wohnen –, die Crew um Late Night Snacks wie Pfeiffer, Martin Mercer oder Faris Hilton und es passieren und entstehen neue Labels wie Henk Records, welches aus der Schmiede meines Freunds Mitch ist. Letzterer ist ja auch bei den PollerWiesen involviert, in Köln seit 1993 eine Institution, selbst die kennt man in Amerika. Köln hat schon, trotz der eher kleinen Anzahl an Clubs, eine große Außenwirkung.

Du sagst es: Köln hat wenige Clubs …
Ja, und es werden noch weniger. Obwohl es schon wenige geworden sind. Das Jack Who hat Köln zum Beispiel sehr gut getan und war viel zu schnell wieder weg. Ein typisches Beispiel für Ehrenfeld: Gerade in diesem Stadtteil sind die Lanzen gespitzt, sodass da niemand mehr so schnell einen Club eröffnen kann. Da wird gerade eher an Bauunternehmer und Industrielle vermietet, das ist halt schick. Da haben Großunternehmer mit ihren Glaskästen immer den Vorrang vor einem Amon, der versucht einen temporären Club hochzuziehen. Amon Nanz ist einer der wichtigsten Veranstalter Kölns, weil er sich für die Szene auf gut Deutsch den Arsch aufreißt und es schafft, in Ehrenfel – wo der Kapitalismus immer mehr siegt und die Clubs heute Büros und Luxuswohnkomplexen weichen müssen – idealistisch zu kämpfen. Er lässt sich neue Möglichkeiten für ein subkulturelles Angebot einfallen, ruft Petitionen ins Leben, versucht die Leute wachzurütteln. Solche Menschen sind wichtig für Köln.

Köln ist in dieser Hinsicht eine der schwierigsten Städte Deutschlands.

Also glaubst du, es mangelt Köln nicht an Manpower, Kreativität und Potenzial, aber kommunalpolitische Entscheidungen machen der Clubszene den Garaus?
Ich weiß, dass Köln in dieser Hinsicht eine der schwierigsten Städte Deutschlands ist. Allein was Open Airs angeht: Selbst etablierte Veranstalter machen hier nicht mehr so viel wie früher, weil die Stadt Köln ihnen nicht wirklich unter die Arme greift. Was in Leverkusen und Dortmund schon ganz anders aussieht, da freut man sich einfach. Und in Berlin verhält es sich noch mal ganz anders, da guckst du dir die Clubs an und denkst, du bist nicht mehr in Deutschland, da hat wohl kein TÜV geprüft.

Muss man Köln als veranstalterunfreundlich bezeichnen?
Köln ist grundsätzlich nicht gerade einfach. Open Airs sind da ein gutes Beispiel: Im Sommer haben die Leute Bock spontan auf einer Wiese zu feiern. Das stört meistens nicht Mütter mit ihren Kinderwägen, sondern das Ordnungsamt kriegt Wind und löst die Party auf. Und das wird sogar immer schlimmer und strenger.

Also sieht es entsprechend nicht so rosig aus, wenn du in die elektronische Zukunft Kölns blickst?
Ich bin da eher pragmatisch und lasse Dinge auf mich zukommen. Viele sagen, nicht nur elektronische Musik betreffend, dass alles immer schlimmer wird. Da sag ich einfach mal: „nö“. Es ist nicht schlecht in Köln und auch nicht innerhalb der Szene. Allerdings zeigt die aktuelle Stimmung in der Stadtpolitik, dass man hier nicht mehr Clubs und mehr Subkultur haben will. Ich möchte trotzdem keine schwarzmalerische Stimmung verbreiten, sondern ich glaube, Kunst und Kultur bahnen sich immer ihren Weg, gerade auch in schwierigen Zeiten. Es wird dann halt noch nischiger und man wechselt mal das Viertel oder sogar die Rheinseite. Dann ist die Subkultur eben etwas versteckter, aber das macht's ja nicht uninteressanter. Gerade wenn die gute Party dann wirklich ein Geheimtipp ist, ist es doch spannend. Auch wenn es hier hinsichtlich Locations schwieriger ist, das Potential ist ja definitiv da. Es ist nur die Frage, wer es wann und wie macht. Gerade jetzt, wo es schon wenig Angebot in Köln gibt, sollte mal wieder jemand einen großen Vorstoß wagen und vielleicht mit einem ordentlichen Plan oder einer Petition an die Stadt herantreten.

Was die Musik betrifft, ist das Electronic Beats schon immer ein wenig der Zeit voraus.

Was schätzt du am elektronischen Köln?
Ich mag die Tatsache, dass hier schon immer viel experimentiert wurde. Musikalisch finde ich auch die Nähe zu Düsseldorf total spannend. Trotz der generellen „Feindschaft“, die ich übrigens nicht verstehe, hat die Synthesizer-Pioneer-Szene in Düsseldorf viel erreicht, was bis heute relevant ist. Ich rede nicht nur über das direkte Kraftwerk-Umfeld. Da gibt es noch viel mehr Leute, die maßgeblich zur Entstehung elektronischer Musik beigetragen haben – was auch Köln geprägt hat. Das merkt man daran, dass Köln einen deutlich experimentelleren Touch hat als andere Städte, wo dann doch überall der gleiche Sound läuft. Hier gibt es musikalische Pioniere, die versuchen, die Sache anders anzugehen und sich wegbewegen vom normalen Partykontext, stattdessen mal ein Konzert machen oder mit Band auftreten.

So wie der Komponist und Multiinstrumentalist Gregor Schwellenbach, der zum 20-jährigen Bestehen von Kompakt die größten Tracks des Labels klassisch arrangiert hat?
Ja, Gregor ist einer von denen, der den Sound of Cologne in die Welt hinaus transportiert und Leuten wie meinen Eltern zeigt: Techno ist nicht nur Bum Bum. Gregor spielt Techno auf dem Piano nach und beweist: Da ist auch oft eine richtige Komposition dahinter. Er ist ein gutes Beispiel. Genau wie die Car-Jungs um Johannes Klingelbiel aus dem Jack Who-Umfeld, die haben gerade ein richtig gutes Album rausgebracht, das James Holden als Kraut-Jazz/ Experimental / Electronica beschrieben hat – Musik ohne eindeutigen Stempel, und davon gibt’s in Köln viel. Klein & Frank sind auch so ein Beispiel. Ich lerne auch immer wieder neue Leute kennen, die an ausgefallener Musik tüfteln, das finde ich einfach toll.

Was sind denn in deinen Augen die wichtigsten regelmäßigen Veranstaltungen in Köln?
Das Electronics Beats ist natürlich wichtig, wenn auch mit mehr als tausend Leuten eine eher große Veranstaltung, die nicht underground ist. Was die Musik betrifft, ist das Electronic Beats aber schon immer ein wenig der Zeit voraus. Die verlassen sich nicht auf die big names, die eh funktionieren, sondern buchen immer auch besondere Künstler, zum Beispiel solche, die elektronische Livemusik spielen – wie Caribou, einen meiner Favoriten, den man keinem expliziten Genre zuordnen kann. Nicht unerwähnt lassen sollte man die Reihen einiger Clubs wie dem Gewölbe: Hier gibt es nur gute hauseigene Veranstaltungen mit hochkarätigen DJs. Das Odonien ist natürlich eine der außergewöhnlichsten Locations und das Reineke Fuchs – für das ich seit Stunde eins arbeite – darf in dieser Liste natürlich auch nicht fehlen.

Das ist der Vorteil von Köln: Wenn du hier was Gutes machst, stichst du viel leichter heraus.

Was für einen Stellenwert haben Partys wie die am Kulturdeck Aachener Weiher?
Einen wichtigen. Das sind natürlich Riesendinger, die eher einem Festival gleichen, da darf es dann natürlich musikalisch nicht zu experimentell werden –da wird abgeliefert, was mir persönlich musikalisch nicht immer zusagt. Aber der Veranstalter Shirzad ist in permanentem Dialog mit der Stadt und kämpft für seine Veranstaltungen. So hat er es, zumindest dieses Jahr, wieder geschafft, dass auf dem Kulturdeck nicht nur Karnevalsveranstaltungen, sondern auch elektronische Veranstaltungen stattfinden dürfen. Das hat Respekt verdient.

Was wünscht du dir fürs elektronische Köln?
Die Motivation ist da, es braucht mehr Entgegegenkommen von den Behörden. Bei Open Airs ist es klar, dass nicht jeder eine Genehmigung für eine große Wiese kriegen darf. Man sollte die Leute checken, sicherstellen, dass sie sich um die Müllentsorgung kümmern, die Natur respektieren, Toiletten aufstellen, damit nicht alles kaputt gepinkelt wird – das ist Aufgabe der Stadt. Es darf keinesfalls jeder wahllos eine Veranstaltung aus dem Boden stampfen. Es wäre schön, wenn die Politik sich darüber klar würde, dass elektronische Musik längst keine Nischenmusik mehr ist, sondern eine breite Masse interessiert. Mit mehr Offenheit und Unterstützung für elektronische Musik könnte man junge Wähler begeistern. Muss die letzte Fabrikhalle in Ehrenfeld auch noch ein Bürokomplex werden, oder könnte man da nicht vielleicht einen Kulturverein etablieren? Klar ist eine große Firma, die viel Miete bezahlt, immer profitabler, aber die Subkultur hält ja das Viertel lebendig. Die Vergabe der Genehmigungen lockerer anzugehen, würde dem elektronischen Köln gut tun. Momentan ist es echt schwierig, etwas auszurichten.

Muss man nicht vielleicht auch befürchten, dass es irgendwann nicht mehr genügend Ambitionierte gibt, sondern die Veranstalter und Musiker den Kopf in den Sand stecken, wenn sie die ganze Zeit gegen Windmühlen kämpfen?
Ja, oder nach Berlin abwandern. Da gibt’s ja ein ganz anderes Problem: Berlin hat einen maximalen Überschuss an Kreativen. Wenn du da was richtig Gutes machst, hast du es angesichts der immensen Konkurrenz und des Überangebots schwer, dich zu etablieren. Das ist der Vorteil von Köln: Wenn du hier was Gutes machst, stichst du viel leichter heraus. Und den Kopf in den Sand zu stecken, ist als Kreativer immer verkehrt. Man braucht in heutigen Zeiten des Überflusses einen langen Atem. Ich glaube, es ist kaum möglich, eine tolle, große Sache auf die Beine zu stellen, wenn man nicht vorher schon ewig viel Arbeit und vielleicht sogar Niederlangen investiert hat, um irgendwann daraus zu lernen. Scheitern ist wichtig!

Wenn ihr noch mehr über die Electro-Szene und die Gesichter dahinter erfahren wollt, dann hört doch mal beim Telekom Electronic Beats Podcast rein.

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