Nur an sich selbst zu denken, ist keine Option mehr

© Joshua Rawson | Unsplash

Als in der Silvesternacht um Mitternacht der Sekundenzeiger auf die Zwölf sprang und sich ein – vergleichbar kleines – Feuerwerk über der ganzen Stadt ausbreitete, war für einen Moment lang eine Erlösung zu spüren: Wir haben es geschafft. 2020, dieses Ungetüm von einem Jahr, endlich aus unserem Leben verbannt. Freude, Zuversicht, Neuanfang. Mehr denn je schwirrte aber in unseren Köpfen und in den nächtlichen Gesprächen ein Gedanke, der das Silvesterfeeling schnell relativierte. Denn um Mitternacht geändert – hat sich eigentlich gar nichts. 

Wie jedes Jahr schreiben wir jetzt zwei Wochen lang verwirrt das falsche Datum in jede Kopfzeile, in der Realität sehen wir uns aber weiter mit den gleichen Themen konfrontiert. Klimawandel, Rassismus und natürlich allen voran: Corona. Jetzt, einige Tage nach dem Jahreswechsel, mussten wir feststellen: Jetzt wird nicht alles gut. Warum auch? 

Kopf in den Sand stecken? Nö!

Gerade könnten wir eher ganz schnell den Kopf wieder in den Sand stecken – Lockdownverlängerung, ach was, Lockdownverschärfung! Kein Ende in Sicht für Gastro und Kultur und mittlerweile nicht mal für den Einzelhandel. Währenddessen hört man von Seiten der Wissenschaftler*innen immer öfter: Eigentlich sind die Maßnahmen noch viel zu lasch. Und dann schwirrt durch die Social-Media-Kanäle auch noch diese Statistik, die uns die drastische Lage ein weiteres Mal vor Augen führt.

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Die nicht ganz so einfache Konsequenz, die wir trotzdem daraus ziehen müssen, ist: Weitermachen. Und eben NICHT den Kopf in den Sand stecken. 2020 war das Jahr der kreativen Lösungen: Ein Sommer voller Pop-Up-Biergärten, spontanen Spendenaktionen und Online-Kulturstreams und sowieso wissen wir in Köln doch eigentlich ganz gut, wie „Zesammestonn“ funktioniert. Der einzige Haken: 2021 ist – zumindest bisher – nicht das Jahr, in dem wir auf den ersten Clubbesuch, den nächsten Karneval und die wohlverdiente Normalität hinfiebern dürfen. Noch nicht. Im Januar wird nicht Ski gefahren, stattdessen müssen wir nochmal – wie sagt man so schön: die Arschbacken zusammenkneifen! Von Normalität ist nämlich noch keine Spur.

Aber vielleicht ist es auch genau diese alte Normalität, die uns immer noch im Weg steht. Denn sie war eine, in der die eigenen Freiheiten sich selten für das Gemeinwohl unterordnen ließen. Die westlich geprägte Welt ist nicht gerade dafür bekannt, am laufenden Band selbstlose Gemeinschaftswesen zu produzieren. Vielleicht ist es jetzt, nach fast einem Jahr Pandemie, höchste Zeit, genau das zu ändern.

Wir holen aus – zum finalen Schlag

Denn wir können auch anders. Viele haben sich aufgeopfert, sich eingeschränkt und das nicht nur für das eigene Wohl. Jetzt aber darf uns auf den letzten Metern nicht die Puste ausgehen – denn 2021 holen wir zum finalen Schlag aus. Gemeinsam können wir es schaffen, dem Ganzen ein Ende zu setzen – mit einem echten Ass im Ärmel. 

Einen in unglaublicher Geschwindigkeit entwickelten Impfstoff, der uns endlich eine sinnvolle Waffe liefert. Trotzdem verkündet der Kölner Stadt-Anzeiger Anfang des Jahres: In den Pflegeheimen, in denen bisher geimpft wurde, haben sich rund 50 Prozent der Mitarbeiter*innen gegen eine Impfung entschieden. Mancherorts wird der langsame Impfstart und eine schlechte Organisation bemängelt – doch an anderer Stelle wird die Skepsis laut und die fehlende Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. 

Ein gesundes Maß an Zweifel ist bei einem völlig neuen Impfstoff sicher angebracht. Nur: Muss daraus wirklich folgen, die eigene Impfung zu vertagen?

Eins muss klar sein: Nicht jede*r, der*die gerade Skrupel vor dem neuen Impfstoff hat, macht sich damit zum*r Impfgegner*in. Ein gesundes Maß an Zweifel ist bei einem so neuen Impfstoff sicher angebracht. Jetzt kommt das Aber: Muss daraus wirklich folgen, die eigene Impfung zu vertagen, erstmal ein halbes Jahr zu beobachten, wie sich die Sache entwickelt? Und dabei wertvolle Zeit zu verlieren? Wenn wir dieses Jahr nicht nur an uns denken wollen, ist die Antwort klar: Nein. Denn die eigenen, berechtigten Zweifel können – nein, sie müssen – hinten angestellt werden, um diese Krise zu bekämpfen. Held*innen sind 2021 die, die bereit sind, für alle anderen mitzukämpfen.

Genauso haben wir es doch das ganze Jahr gemacht: Unsere Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls abgewogen. Selbst die Gestaltung des eigenen Weihnachtsfests war im letzten Jahr keine völlig private Entscheidung mehr, auch wenn manch ein Politiker das einfach nicht wahrhaben wollte. Wir befinden uns in einer Situation, in der die persönlichen Entscheidungen mehr denn je das Leben von anderen Menschen mitbestimmen. In der es nicht nur Corona-Regeln, sondern auch persönliche, moralische Pflichten geben muss. Und genau deshalb können wir auch nicht mehr so tun, als stünde die absolute Freiheit des Einzelnen über allem. 

Et bliev nix wie et wor

Ja, das klingt radikal. Und die Frage, wie man Weihnachten feiert, ist doch eine ganz andere, als die Frage, was man sich in den eigenen Körper spritzen lässt, oder? Stimmt. Beim Impfstoff ist es nämlich noch viel wichtiger, dass wir endlich zusammenhalten. Und uns überlegen, welchen Einsatz wir auch dieses Jahr leisten müssen, um diese globale Krise zu beenden.

Eigentlich können wir Kölner*innen das doch ganz gut – und auch wenn das Kölsche Lebensgefühl in den letzten Monaten nur in den eigenen vier Wänden zu finden war, brauchen wir es jetzt mehr denn je an jedem Ort der Stadt. Tragen wir es raus in die Welt: Unsere Lebensfreude, unseren Gemeinschaftssinn, unsere unerschütterliche Zuversicht. Und: Unsere Bereitschaft, füreinander einzustehen. Denn die Krise hat auch gezeigt, was sich alles ändern kann, wenn man zusammenhält. Am Ende wissen wir doch: Et bliev nix wie et wor. Und in Zeiten wie diesen ist das gar nicht so schlecht. 

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